„Die Stunden, die ich in Cafés verbrachte, sind die einzige Zeit, die die Bezeichnung Leben verdienen“, notierte einst die Schriftstellerin Anaïs Nin. Ihre Kollegin Simone de Beauvoir schrieb den Großteil ihrer Werke an einem Tisch im Café de Flore. Wer Ernest Hemingway und Oscar Wilde treffen wollte, fand sie im Closerie des Lilas – und ihrem täglichen Besuch eines Café in der Rue de Batignolles ist es zu verdanken, dass die Gruppe impressionistischer Maler um Degas, Renoir und Monet nur die „Batignolles“ genannt wurden.
Ob Grand Café, coffeehouse oder „Coffeeschäncke“: Man ging nicht einfach ins Café – man lebte dort. Der tägliche Besuch „seines“ Cafés war so obligat wie heute Zeitung lesen oder Emails abrufen. Denn die Kaffeehäuser der Metropolen wie Paris, Wien, London, New York oder Berlin waren ab Mitte des 18. Jahrhunderts zu Zentren des politischen und kulturellen Lebens aufgestiegen – sie dienten als Versammlungsort, Debattierbühne, als Poststelle, Lesesaal und zweites Wohnzimmer, als Künstlertreffpunkt, Arbeitsamt, Zeitungsredaktion und Partnerbörse. Erstmals trafen sich alle Stände und Berufsgruppen an einem Ort, um sich auszutauschen, und mit Ideen oder revolutionären Gedanken anzustecken. Es gab literarische Cafés, künstlerische, politische, halbseidene, Konzertcafés oder Stuben für Geschäftsleute; in Kaffeehäusern dieser Welt wurden die ersten Zeitungen „geboren“, diverse Romane, Musikstilrichtungen und sogar das Versicherungswesen! Und manchmal ging es von der Kaffeebar direkt auf die Barrikaden: Der Sturm auf die Bastille folgte nach einer Ansprache des Journalisten Camille Desmoulins auf einem Tisch im Café de Foy – und George Washington verfasste die erste demokratische Verfassung in einem… genau. In einem Café.
Damen war übrigens das Betreten der Kaffeehäuser bis ins 19. Jahrhundert untersagt. Sie trafen sich stattdessen zu „Caffé Cräntzgen“ – private Salons, die ebenso wie die Kaffeehäuser zu einem Hort der Kommunikation, Inspiration und Revolution wurden: Ein geschützter Raum, um ohne staatliche oder männliche Ohrenzeugen religiöse, wissenschaftliche und frauenrechtliche Themen zu diskutieren. Diese Salons gelten als Urzellen der Emanzipation, und Herren fragen sich bis heute, was wir Frauen da eigentlich bei bester Bohne und Frankfurter Kranz besprechen. Nun: Alles! Es gibt nichts, über was Frauen nicht reden, und das inzwischen übrigens besonders gerne im Café, das uns so lange verwehrt blieb – es gehört heute für 57 Prozent aller Frauen zum Gesprächsort Nummer Eins*.
Der Salon und das Café als Zentrum der Freiheit, der Kunst, der Politik und der revolutionären Ideen – daran mögen heutige Coffeeshops oder Espressobars kaum noch erinnern. Das einstige Kaffeehaus als Nabel der eigenen wie großen Welt ist vermutlich auch nicht mehr auf der Straße zu finden – sondern im Computer! Ich persönlich sehe das Internet als moderne Filiale der Ur-Kaffeehäuser, als Grand Café World Wide Web. Es ist wie einst das Café de Flore ein Treffpunkt für alle. Eine Debattierbühne, Künstlertreff und Lesesaal, Poststelle und Nachrichtenpool, Partnerbörse und zweite Heimat. 56 Prozent der Internetnutzer genießen genau das an ihrem world wide coffeehouse – dass sie zu ihren Freunden, Bekannten und Familien Kontakt halten können, ein Drittel schätzt am Café Digital, mit Menschen gleicher Interessen zusammen zu treffen*. Um sich auszutauschen, Reisetipps, Kochrezepte oder Jobangebote zu teilen. Hier trifft sich die ganze Welt zum Kaffeeklatsch, und manchmal auch zu einer Revolution…
Wenn Sie das nächste Mal also einen Kaffee genießen, während Sie sich im (www)-Café unterhalten, halten Sie einen Augenblick inne. Denn was Sie da gerade tun, steht in bester Tradition der Selberdenker, der Aufklärer, der Weltenveränderer.
*Quellen:
• Johann Jacobs Museum, Zürich
• Demoskopie Allensbach für Jacobs Krönung (Online Kommunikation 2010)


