Sie beichteten einander alles. Ungewöhnlich für Männer, doch sie ließen nichts aus: Die Wehwehchen der Gattinnen und Spleens der Kinder, Klatsch aus der Nachbarschaft und von den Kollegen, wie das Wetter neulich war und was im Garten blüht. Sie schickten sich Kräutertees und heitere Bildchen, und tauschten sich über die Arbeit aus: „Den Zauberlehrling habe ich an einen Stuttgarter Componisten geschickt“, oder „Der Nathan ist ausgeschrieben… und die Jungfrau dem Herzog überstellt“. Reitende Post und Botenmädchen hatten elf Jahre reichlich zu tun, um die 999 Briefe umfassende Korrespondenz zwischen den Freunden Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller zwischen Weimar und Jena hin- und herzutragen. Die Postkutsche war für die Schriftsteller die Flatrate ihrer Zeit, sie schrieben sich, um die Abstände zwischen den Treffen zu überbrücken. Hätte es im 18. Jahrhundert Internet gegeben, hätten Wolfi_1749 und Fridschl@marbach.net vermutlich jeden Tag gechattet wie die Irren:
@Wolfi: Mein Kopf (ist heute) ganz wüste. Der Gedanke wegen der Höllenbraut ist nicht übel. – Sch.
@Fridschl: Der Teufel, den ich (im Faust) beschwöre gebärdet sich sehr wunderlich. Leben Sie recht wohl und behalten mich lieb. – G.
Wer weiß, vielleicht hätten sie sich nicht nur im Philosophensalon, sondern in ihrer „Wir machen was mit Büchern“-Gruppe auf Facebook getroffen, um mit Clemens Brentano und Heinrich von Kleist über Politik und dreihebige Jamben zu plaudern?
Das Erstaunliche an der altmodischen Brieffreundschaft zwischen Goethe und Schiller ist, dass sie als Vorbild der digitalen Kommunikation unter Freunden erscheint. So wie Schiller erstmals schriftlich – wie bei einer „Freundschaftsanfrage“ – zu Goethe Kontakt aufnahm, so nähern sich heute 30 Prozent der Internetuser per geschriebenem Wort an. Zwei Drittel von ihnen treffen sich persönlich, um zu prüfen, ob die Online-Sympathie wirklich der Anfang einer Offline-Freundschaft ist – denn der persönliche Eindruck ist unbestechlich, einer rein virtuellen Verbindung trauen die wenigsten Bestand und Tiefe zu. Das Vertrauenskapital durch Mailaustausch scheint gut investiert: Die Hälfte, die eine Internetbekanntschaft getroffen hat, wurde mit mindestens einer neuen Freundschaft belohnt* – wie Schiller also auch…
Und noch etwas ähnelt der Art, wie die Dichterherren sich umfreundeten: Die absolute Offenheit, die Kontinuität, mit der sie sich mitteilten, die Hilfe, die sie einander spendeten mit Trost, Rat oder Tat. Diese Werte sind bis heute das Fundament, auf das tiefe Freundschaften bauen*. Wobei Männer eher das Modell side-by-side (das gemeinsame Erleben), Frauen face-to-face (den verbalen Austausch) vorziehen* – und Jugendliche noch suchen, was sie in Freundschaft finden wollen! Während Teenager sich in ihrer digitalen Clique geborgen fühlen* und im Durchschnitt 53 Internetfreunde angeben (davon 20, die sie noch nie gesehen haben)*, konzentrieren sich Ältere weniger auf eine Gruppe als auf Einzelpersonen, mit denen sie per Mail, Telefon, und im Zweier-Gespräch Kontakt halten.
Bittet man sie, ihre Kontakte nach Vertrautheit zu gliedern, dann zeigt sich, dass es oft nur einen, mal auch zwei, selten drei enge Freunde gibt, die einem die ganze Welt bedeuten. Wie schrieb Goethe an Schiller: Unsere Zustände sind so innig verwebt daß ich das, was Ihnen begegnet, an mir selbst fühle. – G..
Fazit: Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt – und nicht hundert. Facebook & Co. allein macht nicht glücklich, aber es erleichtert, mit dem einen ganz besonderen Menschen in Verbindung zu bleiben. Und ihm und den anderen „Wahlverwandten“ in der Ferne so nah zu sein; bis zu der Stunde, in der wir uns endlich jenseits von allen Kommunikationsmaschinen persönlich sprechen, sehen und fühlen. Erst die Summe dieser Stunden ergibt eine www-underbare Freundschaft…
* Quellen:
Demoskopie Allensbach für Jacobs (Online Kommunikation 2010)
Paul H. Wright, Freundschaftsforschung, Universität North Dakota
Studie von Microsoft & dem Musiksender MTV unter 18.000 Jugendlichen weltweit.



so www-underbar hergeleitet, klingt die Annahme, dass Wolfi und Fridschl die ersten Chatter waren, innigst vernetzt aber noch ohne Netz weder www-undersam noch nach www-ahnsinn.
Mit den besten Grüßen von der Kafka