16. März 2010

Digitales Wunderland: Können wir bald nicht mehr persönlich sein?

Henrike grübelt, was sie einem Mann, der alles hat, schenken kann. Sie bekommt 22 Vorschläge vom singenden Topfkuchen bis zum selbstgemachten literarischen Tischset. Tatjana stellt ihr Lieblingsbuch vor: Nichts für Frühaufsteher, ist ein Stundenfresser! Ein Klick später fliegen Lesetipps und Autorenklatsch (Frank Schätzing in Unterwäsche! Schon gesehen?) über den Monitor wie Glühwürmchen, die die hellste Lampe entdeckt haben. Bernd tweetet rein: Handtaschenräuber U-Bahn Schlump, haltet die Pradas fest! Und Paul verkündet, dass er soeben den 333. Freund bestätigt hat von allen Seiten sprüht es virtuelle Sektkorken und den Vorschlag, zu einem analogen Kaffeekranz einzuladen und Pauls vier Katzen in Sicherheit zu bringen

Fünf ganz normale Minuten auf der social platform Facebook. Sie fühlen sich an wie fünf Stunden im Lieblingscafé, nur dass sich auf Facebook mit allen gleichzeitig plaudern und lesen lässt, wer was zu wem vor Stunden gesagt hat. Und das Aufbrezeln und durch die zugige Nacht wandern entfällt facebooken lässt sich auch im Bademantel am Küchentisch. Die Welt kommt durchs Browser-Fensterchen hinein, da funktioniert sogar der Flirt mit Quarkmaske auf der Nase.

Weltweit sind 250 Millionen Mitglieder bei dem virtuellen Stammtisch registriert, 3,3 Millionen allein in Deutschland mehr als die Hälfte von ihnen älter als 25, 53 Prozent sind weiblich.* Bei den Plauderplattformen StudiVZ, MeinVZ und SchülerVZ summieren sich die Mitglieder auf 20 Millionen, dazu kommen noch Xing, MySpace, unzählige Foren, Chatrooms und Emailkontakte. Rein rechnerisch ist jeder 4. Deutsche, vom Dreiwindelhoch bis zur Seniorin, an die digitale Nabelschnur angeschlossen und kommuniziert täglich immer noch rein rechnerisch zwischen 102 Sekunden und drei Stunden mit 77,5 Freunden.*

Ein Wunder, dass wir uns noch altmodisch, pardon, persönlich treffen, nicht wahr?
Nicht wahr. Schiebt man die Zahlen beiseite und sieht dahinter den Menschen, relativiert sich das Ungetüm der dauerkommunizierenden Internetgesellschaft, die die Distanz der Nähe vorzieht, lieber redet als spricht, und Freunde zählt statt wählt. Erstens sind etwa nur ein Drittel aller registrierten Nutzer wirklich aktiv.* Zweitens legt sich mit dem Alter die Aufgeregtheit, an allem teilhaben zu müssen und jeden über sich zu informieren.* Und drittens ist Freundschaft auch im www-Zeitalter kein wahlloseres Gut geworden: Ob 24, 244 oder 7,8 Millionen Freunde (wie Barack Obama bei Facebook) Männer haben nur zu durchschnittlich vier, Frauen zu sieben intensiven Digitalkontakt*. Und diese vier bis sieben sind meist jene, mit denen sie eine Freundschaft verbindet, die im analogen Leben geknüpft wurde. Das Internet dient nur als Instrument, berührbar zu bleiben, wenn zuviel Zeit und Raum zwischen den Treffen im real life liegen. Gibt es etwas zu besprechen, was nicht für die Halböffentlichkeit gedacht ist, ist die erste Wahl das Telefon oder der zweisame Kaffee, zur Not die längere Email. Denn so verbindlich eine Welt aus getippten Wörtern ist die Geborgenheit eines aufmerksamen Blicks und körperwarmen Dialogs wird sie nicht ersetzen.

Was aber fasziniert uns dennoch, digitale Stammtische aufzusuchen, und dort losen Bekannten einen Teil unseres Lebens mitzuteilen? Vielleicht, weil die Technologie zwar eine Neue ist aber alte Gefühle sättigt. Die Sehnsucht, in der Gruppe sicher zu sein. Die Bestätigung, Teil eines Ganzen zu sein, und wissen zu wollen, was in dem Ganzen so an Details los ist nichts anderes ist auch der nachbarschaftliche Talk über den Gartenzaun, der Klatsch in der Büroküche, das Tuscheln auf dem Schulhof.
Und letztlich: Der Genuss, im absoluten Jetzt zu leben. Jetzt brauche ich Hilfe für ein Geschenk. Jetzt habe ich die Freiheit zu sagen, wie es mir geht, oder eine Revolution anzuzetteln: Unterstützt Xy. Rettet Z! Und sagt es Euren Kontakten weiter mit ein bisschen Glück verteilt sich dank der Netzwerksymbiosen mein Aufruf um den Globus. Das ist Freiheit, das ist Sein im Jetzt.
Freiheit heißt aber auch, nicht tun zu müssen, was man nicht will.
Und wenn mir jetzt nicht nach Small Talk am Internet-Gartenzaun ist, schicke ich meiner Freundin per Qype einen Terminvorschlag, mache die Kiste zu und gehe sie besuchen. Ganz persönlich.
Digitale oder direkte Kommunikation?
Es muss und heißen. Es gibt kein oder mehr; das Internet ist ein Abbild der persönlichen, vielfältigen Kommunikationswünsche, ein Sammelbecken der Vorfreude, die liebsten Menschen bald wieder Auge in Auge zu sehen und mit ihnen gute Gespräche zu genießen.

* Quellen:
Cameron Marlow, Statistiker, facebook
Andreas Bersch, Facebookbiz
Datamonitor
Demoskopie Allensbach für Jacobs