„Omi hat Facebook!“, berichtet mein Patensohn Malcolm (7) aufgeregt, „seit einer Woche schon!“ Dann fragt er besorgt: „Wird sie wieder gesund?“
Wie, bitte sehr, soll ich ihm nun das Internet erklären? Zu märchenhaft hört es sich an: „Es war einmal im Land Digitalia, das wir nie mit Füßen betreten können. Es kennt keinen Schlaf und keinen Ladenschluss. Es sammelt das Wissen der Menschheit, und wenn Omi bei Facebook eine Nachricht verschickt, macht es bei Tante Helga in Panama Ping.“
Das glaubt der kleine Kerl mir bestimmt nicht. Noch nicht.
„Facebook ist heilbar“, kürze ich das Ganze also ab. Malcolm flitzt sofort zu seinem Freund Freddie, um ihm die Neuigkeit höchstpersönlich mitzuteilen.
In zehn Jahren wird er vermutlich nicht mehr laufen, sondern posten. Er wird sich wie 82 % der heutigen 14- bis 17-Jährigen mit seiner Clique täglich in Digitalia austauschen, im Bus, im Bad, oder von Patentantchens Sofa aus. Vermutlich werde ich ihn angiften: „Nun leg doch mal das Dings da weg, wenn ich mit dir rede!“, weil er wie die meisten Unter-30jährigen off- und online zugleich kommuniziert, und das völlig in Ordnung findet.
Die Generation, die seit 1993 heran wächst, kennt es nur so. Sie ist gewohnt, dass das mobile Netz sie zum Sieger über Raum und Zeit macht; es gehört für sie zum Alltag, dass Stimme und Mimik ersetzt sind durch getippte Buchstaben oder ein
. Die „Born Digitals“ geben sich begeistert stundenlangen Online-Chats hin, ohne sich an der Distanz und dem fehlenden Augenkontakt zu stören.
Fast vorprogrammiert scheint da die Kluft, die sich zwischen den Generationen auftut, mancher warnt sogar vor dem „digitalen Graben“ zwischen den Altersgruppen – weil die einen zu SchülerVZ gingen, die anderen zum Schützenverein. Sie würden vielleicht noch dieselbe Sprache benutzen, aber nicht dieselben Gesprächsinstrumente, und eines Tages nicht mehr wissen, wie sie miteinander kommunizieren sollen.
Die gute Nachricht: der digitale Graben hat mehr Gesprächs-Brücken, als Pessimisten meinen – denn die Nutzer des Internets lassen sich nicht einfach so in „alt, offline und gesprächskonservativ“, und „jung, online und oberflächlich“ trennen. Zwar nutzt die Jugend das Web intensiver, um zu plauschen und sich darzustellen („Ich poste, also bin ich“), als es die reiferen User tun. Sie genießt die Leichtigkeit der meist trivialen Gespräche im Web – aber kann zwischen Quantität und Qualität sehr wohl unterscheiden! Für einen Dialog mit Tiefgang, der Vertrautheit, Emotionalität und Trost braucht, sucht auch unsere Multitaskingjugend lieber den persönlichen Kontakt.
Und die Älteren? Sind flexibler als ihr Ruf: Die heute über-50-Jährigen sind schließlich schon seit 20 Jahren im Netz, 84 Prozent nutzen moderne Kommunikationsmittel so natürlich wie einst den Walkman. Jeder zweite Deutsche zwischen 55 und 74 Jahren ist ebenfalls Online, Tendenz steigend – der Anteil der „Silver Surfer“ vergrößert sich sprunghafter als in jeder anderen Altersgruppe! Die Omi mit Facebook, die ihrem Enkel geduldig das Chatten beibringt, wird bald keine Ausnahme mehr sein.
An vielen Stellen bringt das Internet die Generationen sogar leichter zusammen als Offline. Ob im Forum bei Brigitte.de, einer Kochrezept- oder Bücher-Community, dem Autoteile-Chat: Was jemand zu sagen hat, zählt mehr als sein Baujahr. Auch das ist Generationsdemokratie des „achten Kontinents“.
Ja, die digitale Revolution hat einen historisch einzigartigen Wandel der Gesprächskultur nach sich gezogen. In nur zwei Dekaden, seit Anfang der 90er die ersten Email-Programme entstanden, wurde die zwischenmenschliche Kommunikation so tiefgreifend erweitert, wie es zuvor nicht mal Brieftauben, Morsealphabet und Fernsprecher zusammen vermochten. Doch an einem menschlichen Bedürfnis wird auch Digitalia nichts ändern, in keiner Generation – der Sehnsucht nach guten Gesprächen, in denen jemand, der dir wichtig ist, deine Hand nimmt, und damit das Herz berührt. Ganz persönlich. Und das geht nur in Analogia.
*Quellen:
Demoskopie Allensbach für Jacobs Krönung (Online Kommunikation 2010)
Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM)


